So darf es nicht sein: Gespräche in der Apotheke

Heute morgen war ich in der Apotheke um Schmerzmittel zu kaufen. Ich habe meine Migräne sehr gut im Griff, da sie zwar auftritt, ich aber meine Schmerzmitteldosis pro Anfall in den letzten 20 Jahren nicht steigern musste. Die Apothekerin verwickelte mich dennoch in ein Gespäch, welches sinngemäß wie folgt ablief:

„Wie oft haben Sie denn Migräne?
„Das schwankt sehr. X mal im Monat.“
„Oh, das ist aber viel. Haben Sie einen ausgeglichenen Säure-Base-Haushalt?“
„Welchen Haushalt meinen Sie? Ob mein Blut basisch oder sauer ist?“
„Ja! Da gibt es $Präparat, mit dem haben wir gute Erfahrungen. Und Sie müssen ihre Ernährung darauf anpassen.“
„Ehrlich gesagt, habe ich meine Zweifel, dass Sie über die Erfahrungen ihrer Kunden valide Rückschlüsse ziehen können. Außerdem ist das Konzept der Säure-Base-Ernährung wissenschaftlich äußerst umstritten.“
„Also wir bekommen ja auch Daten von den Pharmaherstellern. Aber wir verlassen uns auf die Erfahrungen unserer Kunden. Da können wir eher sagen, ob etwas funktioniert.“
„Nun, wenn es einem Patienten besser geht, können Sie nicht sagen ob es von alleine auch besser geworden ist, oder ob es an anderen Umständen liegt, die der Patient aber nicht mit berücksichtig.“
„Das können Sie ja so sehen. Sie können ja nehmen was sie wollen. *schmoll*“

Damit war das Gespräch im Prinzip beendet. Ich erwarte von pharmakologisch geschultem Personal, dass sie verstehen, wie man die Wirkung von Medikamenten beurteilen kann. Diese Dame trieb das dann noch auf die Spitze in dem sie Patientenaussagen höher wertete als Studienergebnisse. Dass die Aussagekraft von Studienergebnissen, je nachdem wer sie durchführt und wie, eingeschränkt ist, ist mir bekannt. Jedoch sind Patientenaussagen, die absolut unspezifisch, ohne Kontrollgruppe, und den Teil, der bei Misserfolg ein anderes Präparat in einer anderen Apotheke holt nicht einbezieht, quasi wertlos.

Sie hat dazu auch noch Fakten durcheinander geworfen, die miteinander nichts zu tun haben. Es ist richtig, dass Patienten mit Migräne empfindlich auf Nahrungsmittel reagieren, die stark säurehaltig, scharf, süß oder würzig sind. Das hat aber nicht mit dem angesprochenen Säure-Base-Haushalt zu tun, sondern mit der generellen Reizempfindlichkeit von Migränepatienten. Zudem ist die angebliche Säure-Base-Disbalance durch Nahrungsmittel vor allem ein Marketing-Konzept von Nahrungsergänzungsmittelherstellern.

Teilen macht FreudeTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on TumblrPin on Pinterest

2 commentaires sur “So darf es nicht sein: Gespräche in der Apotheke

  1. Umpf…
    Es ist auch kein Zuckerschlecken, als medizinisch gebildeter Mensch manchen Beratungsgesprächen in der Apotheke zu lauschen… (was soll ich machen, wenn die so laut reden?).

  2. Ich brauchte neulich etwas gegen Reizhusten. Laut des „Handbuches Rezeptfreie Medikamente“ von 2011 der Stiftung Warentest ist lediglich ein Wirkstoff ausreichend erprobt und wirksam. Als ich das in der Apotheke haben wollte, fragte mich die Verkäuferin, ob ich wirklich „so etwas chemisches“ wolle, oder vielleicht lieber was „natürliches“ (homöopathisch und mehr als doppelt so teuer).

    Die Apotheken verspielen Ihren Ruf als Berater, wenn man dort so inkompetent beraten wird (sie verdienen ja mit der Globulischluckerei ganz prima). Die Angestellten können sich Seminare bei den Herstellern der homöopatischen Quaksalbereien als „Weiterbildung“ anerkennen lassen und glauben den Zinnober vermutlich tatsächlich. Und alle Krankenkassen bezahlen diesen Blödsinn inzwischen. Und da sagt man uns Deutschen immer so viel Rationalität nach…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *