Nazis, Nadeln und Intrigen – Erinnerungen eines Skeptikers

Edzard Ernst ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Er hat es geschafft sich international einen Namen zu machen. Er wird immer dann zu Rate gezogen, wenn es um den wissenschaftlichen Blickwinkel auf medizinisch fragwürdige Therapien geht. Sein Leben ist so spannend und lehrreich wie seine wissenschaftlichen Publikationen. Darum lohnt es sich unbedingt seine Autobiografie zu lesen.

Er ist nicht nur Arzt, sondern auch Wissenschaftler und wie kein Zweiter hat er im Gebiet der Naturheilkunde geforscht und gelehrt. Schon in der Einleitung und im ersten Kapitel taucht der Leser nicht nur in die geschichtliche Vergangenheit ein, sondern auch in das Seelenleben eines jungen Mannes, der so gar nicht in die damalige Zeit passte. Er geht hart mit sich ins Gericht und schreibt von Herzen. Das macht ihn unglaublich sympatisch, da man nicht das Gefühl bekommt, dass hier ein Arzt und Wissenschaftler von seinen glorreichen Taten schwadroniert, sondern ein tiefsinniger, rebellischer und kritischer Mann seine Geschichte erzählt und sie immer wieder in den geschichtlichen Kontext setzt. Dadurch spricht er nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Generation. Alexa Waschkau hat es geschafft den Text so zu übersetzen, dass man nicht merkt, dass er ursprünglich in Englisch erschienen ist. Er liest sich flüssig und angenehm, ohne aufgesetzte Schnörkel und doch phantasievoll.

Wir dürfen am Leben eines umtriebigen Arztes, der in der Forschung seine Profession gefunden hat, teilhaben. Vor allem die Vergleiche zwischen britischem und deutschem Gesundheitssystem sind wertvoll, da sie nicht auf der Basis trockener Statistiken basieren, sondern aus dem Blickwinkel eines Arztes, der beide Systeme kennt, erzählt werden. Das ist eine Perspektive, die es nur selten gibt und doch das Wesentliche offenbart, den Umgang der Ärzteschaft mit den Patienten. Dabei kommt die Hierarchie der Ärzte in deutschen Krankenhäusern begründet schlecht weg. Man erfährt Abgründe, die man als Patient spürt und deswegen den Deutschen den Krankenhausbesuch so verhasst lässt.

Beeindruckend ist die Deutlichkeit mit der Edzard Ernst seine Zeit im Wiener Hochschulbetrieb beschreibt. Korruption und Intrigen, Erpressung und ungesühnte Verbrechen der Nazizeit arbeitet er auf. Seinen Wechsel nach Exeter nachzuvollziehen macht dem eingefleischten Kenner der Alternativmedizin-Szene Freude, da sich auch selbst erlebte Hürden und Konfrontationen widerspiegeln, welche Freunden des wissenschaftlichen, kritischen Denkens all zu oft begegnen.

„Wenn ein Wissenschaftler die Aufgabe, Alternativmedizin kritisch zu überprüfen, wirklich ernst nimmt, ist es sehr wahrscheinlich, dass er von denen, die ihr Geld damit verdienen, als personifizierter Teufel wahrgenommen wird. Umgekehrt kann man davon ausgehen, dass ein Forscher auf diesem Gebiet, der von der Mehrheit der Anhänger der Alternativmedizin verehrt wird, seine Arbeit nicht vernünftig macht. Es ist sowohl faszinierend wie auch erheiternd, dass dieses Konzept inzwischen als »das Ernst’sche Gesetz« bekannt ist.“

Auf amüsante und doch lehrreiche Weise, gibt Edzard Ernst dem Leser einen Einblick in seine Forschungsarbeit. Dabei konzentriert er sich weniger auf die bekannten Ergebnisse, als auf die Rahmenbedingungen und Auswirkungen, die diesen zugrunde lagen und hervorriefen. Prinz Charles bekommt natürlich seine verdiehnte Aufmerksamkeit ebenso wie die Medienlandschaft in Großbritanien.

„Im Grunde hatte ich keine Wahl. Ich musste das tun, was mein Wissen und Gewissen mir diktierten. Und: wenn ich so darüber nachdenke, ich würde alles wieder ganz genauso machen, wenn ich es müsste.“

Er verknüpft anschaulich die Entstehung der Alternativmedizin zur Nazizeit mit der ideologischen Verblendung der Quacksalber heute. Etwas schwermütig mutet der Schluss dieser Autobiografie an, jedoch endet sie mit den für mich wichtigsten Worten:

„Medizinische Behandlungen bergen immer ein ungleiches Verhältnis. Der behandelnde Arzt nimmt eine bedeutende Machtstellung über oft höchst vulnerable Patienten ein, die ihm eine hohe ethische Verantwortung auferlegt, den Patienten dabei zu unterstützen, wohl-fundierte Entscheidungen zu treffen – eine Notwendigkeit und eine Vertrauensbasis, die immer dann verletzt wird, wenn Menschen unbelegte, aus Ideologie oder Wunschdenken geborene Quacksalbereien angeboten werden, mit der Behauptung, sie seien effektive, valide Methoden der Krankheitsbehandlung.“

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